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Internate
Je teurer, desto besser?
Warum der Preis kein Qualitätskriterium ist
Alle Bilder von pixabay
Zu den auch von den Medien immer wieder gern verbreiteten Internatsle-genden gehört, dass wirklich gute Internate nur in der höchsten Preis-kategorie zu finden seien.
In diesem Zusammenhang wird häufig auf deren nobles Ambiente und einen anspruchsvollen, gern als  "reformpäda-gogisch beschriebenen Hintergrund ver-wiesen, den "einfachere" (= preiswer-tere) Institute nicht zu bieten hätten.

 

Eindrucksvolle Gegenbeispiele sind das Staatliche Landschulheim Marquartstein oder die Schulfarm Insel Scharfenberg in Berlin-Tegel. Beide Institute können auf eine  noch heute lebendige reformpädagogische Tradition verweisen. Marquartstein  bietet neben dem Abitur eine Schreinerlehre an. Die "SIS" betreibt eine schuleigene "Landwirtschaft" mit vielen Tieren. 
 

Wer den Schulbesuch unbedingt mit dem romantischen "Leben im Schloss" oder  den Vorzügen einer herrlicher Landschaft bei höchstem Freizeitwert verbinden will (die Abbildung rechts zeigt das Internat des Annette von Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Meersburg/Bodensee), findet gerade unter den staatlichen Internatsschulen ein unschlag- bares Angebot, dazu ohne "Schicki-Micki" und zu äußerst moderaten Kosten. Dass solche Institute in der Regel höhere Ansprüche an die Aufnahmekandidaten stellen, kommt all denen zu gute, die die geforderten Qualitäten selbst aufweisen: Sie genießen die entspannte Atmosphäre eines angenehmeren sozialen Umfelds.

 

Ein Teil der staatlichen Einrichtungen, zum Beispiel die links abgebildete Landesschule Pforta in Sachsen-Anhaltgelten als ausgesprochene Eliteinternate, die sich an hoch befähigte junge Menschen wenden (in Pforta bestehen besondere Zweige für Musik, Sprachen und Naturwissenschaften) und in einer jahrhundertelangen Tradition staatlicher Eliteförderung ohne Standesunterschiede stehen. Die Bewerber müssen sich allerdings einem strengen Auswahlverfahren stellen.

 

Auch spezielle Begabungen finden in den staatlichen Internatsschulen beste Entwicklungs-möglichkeiten. So gibt es Spezialschulen für Naturwissenschaften,  ReitsportFremd- sprachenMusikTanz oder Bildende Kunst. Nicht zu vergessen sind auch die 40 Eliteschulen des Sports und viele weitere Sportinternate, die öffentlichen Schulen angegliedert sind. Das Burg-Gymnasium Wettin bereitet talentierte Schüler des Kunst-zweigs auf die Aufnahmeprüfung an Kunst- und Filmhochschulen vor. 

 


Wie kommt es zu Preisunterschieden von zum Teil mehr als 2000 Euro zwischen guten staatlichen Internats- schulen und privaten Anbietern? Und warum sind gerade die anspruchs- vollsten Eliteinternate in öffentlicher Trägerschaft vergleichsweies preisgün-stig?

Zunächst einmal kann man davon aus-gehen, dass die Aufwendungen pro Inter-natsplatz für alle Einrichtungen annähernd gleich sind. Sie liegen bei etwa 1200 bis 1400 Euro pro Schüler. Wenn staatliche Internate den Eltern nur zwischen 150 und 500 Euro monatlich in Rechnung stellen, bedeutet dies, dass der Differenzbetrag zu den Selbstkosten des Internats subven-tioniert werden muss. Der Staat und damit letztlich der Steuerzahler legen also pro Schüler ordentlich Geld drauf.

Zusätzlich können auch noch die Schüler- eltern bzw. Schüler und Schülerinnen der höheren Klassen direkt unterstützt werden, z.B. über Landeskinder-Ermäßigungen, zu- sätzliche Kostenermäßigungen aus sozialen Gründen oder Schüler-BAföG.

 

Der Hauptgrund dieses staatlichen Engage-ments trotz angespannter Finanzlage liegt vor allem darin, dass die Förderung be-sonders talentierter und hoch befähigter junger Menschen inzwischen als gesell- schaftliche Aufgabe erkannt worden ist. Hierbei sieht sich der Staat in der Pflicht, sein Angebot möglichst für die besten Bewerber attraktiv zu machen und niemanden auszuschließen, dessen Eltern die Kosten einer  besonderen Förderung nicht aufbringen können.

Auch private Internatsschulen erhalten  übrigens Zuschüsse aus Steuermitteln, aller-

dings nur für den Schulbetrieb und in eini-gen Bundesländern auch für  Neubaumaß- nahmen. Diese staatliche Kostenbeteili-gung  nach dem jeweiliegen Ersatzschulfi-nanzierungsgesetz  deckt die entstehenden Aufwendungen jedoch nicht zu 100 Prozent ab. Da die Zuschüsse zudem nur "pro Kopf" gezahlt werden, entsteht bei Privat-instituten mit besonders geringer Gesamt-schülerzahl und niedrigen Klassenfrequen-zen ein erhebliches Defizit. Denn ein Lehrer, der nur 15 Kinder unterrichtet, verdient im Normalfall nicht weniger als sein Kollege in einer Klasse mit 25-30 Schülern. Die Fehlbeträge der Schule müssen praktisch aus den Gesamteinnah-men gedeckt werden, so dass es notwen-dig werden kann, Mittel zu Lasten der Internatsbetreuung umzuschichten, die ei-gentlich in den Bereichen Erziehung, Frei-zeit, Hausaufgebenbetreuung usw. drin-gend gebraucht würden. Dies erklärt auch, warum selbst die teuersten Wohnschulen mit Beschwerden  konfrontiert sind, dass ihre Betreuungsleistungen den Erwar-tungen der Kundschaft oder dem päda-gogisch Notwendigen nicht voll gerecht werden.

Kritik gibt es allerdings auch an den Verhältnissen in staatlichen Internats- schulen, vereinzelt sogar an einer Be- vorzugung von Kindern spendenfreudiger Eltern. Derartige Verdächtigungen kennt man eigentlich eher von teuren Privat-instituten als von der staatlichen Konkur-renz. Auch eine bessere Schülerauswahl dank niedriger Kostensätze bürgt also offensichtlich nicht für eine heile Welt. Von daher empfiehlt sich auch hier eine kritische Grundhaltung bei der Internatsaus-wahl.

 Ulrich Lange

 



 


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