Je teurer desto besser?

Internate


Unabhängige Berater (honorarpflichtig)

Berater, die bei keinem Anbieter unter Vertrag bzw. in Lohn und Brot stehen, scheinen noch am ehesten in der Lage zu sein, objektive Ratschläge bezüglich einer Internatsunterbringung zu erteilen. Aber Vorsicht: Ratsuchende sind oft gewohnt, als "Kunden" hofiert zu werden. Sie erwarten, dass der Beratende sie in ihrer vorgefassten Meinung bestätigt. Die Qualität einer Beratung messen sie daran, dass man ihnen erzählt, was sie gerne hören möchten. Objektive Informationen können demgegenüber recht schmerzhaft und desillusionierend sein. Nicht jeder verträgt die Wahrheit. Eltern, die auf der Suche nach einem "Märchenschloss" für ein Problemkind sind oder die Schuld für Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten ihres Nachwuchses gern bei zu großen Klassen, ungerechten Lehrern und falschen Freunden suchen, werden mit den differenzierten Problemanalysen unabhängiger Berater ihre Schwierigkeiten haben. Hier sollte man "die Karten auf den Tisch legen".

Die "Unabhängige Internatsberatung" des Pfarrers Peter Giersiepen

Der unter dem Label "Unabhängige Internatsberatung" firmierende Pfarrer Peter Giersiepen zum Beispiel nimmt für sich das Recht in Anspruch, den elterlichen Vorstellungen auch einmal zu widersprechen und von einer Internatsunterbringung abzuraten, wenn er zu der Überzeugung gelangt, dass der Aufnahmekandidat der Hackordnung eines Internats nicht gewachsen wäre. Ratsuchende, die sich bei der Internatsauswahl von Prestigedenken oder falschem Ehrgeiz leiten lassen, müssen damit rechnen, ihrer Illusionen über den Wert einer Erziehung in Nobelinstituten beraubt zu werden. Ganz entschieden tritt der Religionslehrer und nebenberufliche Internatsberater romantischen Vorstellungen entgegen. Die Abbrecherquote bei Internatsaufenthalten liege zwischen zehn und dreißig Prozent. Viele SchülerInnen seien in Internaten todunglücklich und täten oft alles, um sich dort wieder hinauswerfen zu lassen.

So viel Ehrlichkeit und Realismus sind in der Branche schon eine Ausnahme. Pfarrer Giersiepen war eben selbst acht Jahre lang Internatsleiter (in Schloss Gaienhofen am Bodensee). Er weiß also, wovon er spricht.

Bei aller anzuerkennenden Offenheit des unabhängigen Beraters Giersiepen gegenüber typischen Schwachpunkten der Internate scheinen seine Ratschläge zur Internatsauswahl - zumindest so weit sie veröffentlicht werden - nicht immer segr einleuchtend und nachvollziehbar. Dies gilt z.B. für die Empfehlung, die Eltern mögen bei der Internatsauswahl "auf ihr Kind hören" (siehe nachfolgendes Zitat aus einem Interview der Wochenschrift DIE ZEIT): 

ZEIT: Was raten Sie den Eltern?

Giersiepen: Sie sollten sich Zeit lassen und das Internat mit dem Kind gemeinsam aussuchen. Die Kinder sitzen am längeren Hebel und finden immer, oft unbewusst, einen Weg raus aus dem Internat: Zehn Einträge ins Klassenbuch, dreimal klauen im Supermarkt, oder sie - vor allem Mädchen - werden körperlich krank.

ZEIT: Woran erkennt man das passende Internat?

Giersiepen: Schauen Sie sich den Favoriten gemeinsam mit dem Nachwuchs an, am besten nachmittags an einem normalen Wochentag. Wenn der zuständige Pädagoge Ihr Vertrauen gewinnt und Ihr Kind gelöst und glücklich wirkt, ist das schon einmal ein gutes Zeichen. Wenn sich Ihr Kind verschließt, dann sollten Sie woanders suchen.

Quelle:http://www.zeit.de/2006/08/C-Giersiepen?page=2

Der Berater am Ende selbst ratlos? Was soll ein bei der ersten Besichtigung gelöst und glücklich wirkendes Kind z.B. darüber aussagen, ob es sich unter seinen Mitschülern in guter Gesellschaft wiederfinden, aufmerksam betreut und schulisch ausreichend gefördert werden wird? Würde ein Problemschüler, der jede Anstrengung vermeidet und schulischen Anforderungen generell ausweicht, zwei Wochen später wohl auch noch gelöst und glücklich wirken, wenn er im Internat - den Erwartungen der Eltern gemäß - endlich fleißig lernen müsste?

Und wie steht es mit objektiven Auswahlkriterien? Hier nennt Giersiepen z.B. die Klassengröße. Zitat (Quelle siehe oben): "Fragen Sie nach der aktuellen Klassenstärke, nicht nach allgemeinen Zahlen. Wenn die Lerngruppen klein sind, ist das ein Qualitätsmerkmal. Wenn 27 Schüler in der Klasse sind, darf man Zweifel an der Qualität haben."

Die Größe der Lerngruppe ist allerdings nun gerade  k e i n  Qualitätsmerkmal für effektiven Unterricht und gute Leistungen der Schüler! Dies ist in den letzten dreißig Jahren durch zahlreiche in- und ausländische Studien immer wieder aufs Neue belegt worden behauptet sich aber in der aktuellen Diskussion um die Qualität deutscher Schulen hartnäckig. Hier wird daran vorbei argumentiert, dass der Lernerfolg von zahlreichen - überwiegend individuellen - Faktoren abhängt, Eigenschaften sowohl des einzelnen Schülers als auch der einzelnen Schule. Anders wäre gar nicht zu erklären, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit den Klassenfrequenzen an öffentlichen Schulen von durchschnittlich 24 SchülerInnen keineswegs unzufrieden ist, weil ihre (leistungswilligen!) Kinder dort nämlich immer noch erfolgreich lernen. Die "Kundschaft" der seit Jahren boomenden katholischen Privatschulen akzeptiert sogar Klassenfrequenzen von über 30 klaglos und ist dennoch davon überzeugt, dass das Niveau dort höher sei als an der Staatsschule.

Vollends verwirrt ist man dann bei Giersiepens apodiktischer Feststellung, es sei von solchen Internaten abzuraten, die behaupteten, keine Probleme mit dem Drogenkonsum ihrer Schüler zu haben (Quelle siehe oben). Dies mag der deprimierenden Erfahrung als ehemaliger Internatsleiter entsprechen, dass Internate in aller Regel gefährliche Drogenmilieus sind. Aber gibt es für dieses Problem nicht auch Lösungsansätze, die sich als objektive Auswahlkriterien durchaus eignen würden? Allerdings müsste man dann wissen,  w e l c h e s  Kraut gegen Drogenkonsum gewachsen ist. Wie man auch die Ursachen für andere typische Probleme von InternatsschülerInnen kennen und Vorstellungen davon haben sollte, was Internate tun müssten, um diesen zu begegnen oder zumindest vorzubeugen.

Was hilft etwa gegen Schulverdrossenheit, gegen über viele Jahre entstandene kumulative Kenntnisdefizite, gegen fehlende Arbeits-techniken, gegen Konzentrationsstörungen, gegen Fehlentwick-lungen der Persönlichkeit als Folge verwöhnender Erziehung oder gravierender Erziehungsfehler? Genau darum geht es nämlich bei der Mehrzahl der "Kunden" von Internatsschulen und Schülerheimen. Dies wäre der Stoff, aus dem zuverlässige Ratschläge für die Internatsauswahlkriterien zu gewinnen wären. Bei Pfarrer Gier- siepen erfährt man hierzu  allerdings wenig.    

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